Diakonie-Krankenhaus Wehrda

Akademisches Lehrkrankenhaus der Philipps-Universität Marburg

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„Das wichtigste Hilfsmittel ist Zuwendung“

Oberhessische Presse vom 06.05.2017

Die Medizin macht Fortschritte, Frauen sind emanzipierter. Dennoch werden manche Gebärende aufgrund von Vorurteilen und Mythen immer noch stigmatisiert, sagt Geburtshelfer Knörzer.

von Anna Ntemiris

Marburg. Sein Vater sah ihn erstmals fünf Tage nach der Geburt, zwischen ihnen war eine Glasscheibe, erzählt Dr. Thomas Knörzer, Chefarzt der Geburtshilfe und Gynäkologie am Diakoniekrankenhaus Wehrda. Das war vor 57 Jahren, als die Entbindung noch als eine Angelegenheit der Mütter betrachtet wurde. „Ein Glück hat sich das geändert“, so Knörzer.

Was einst ein Novum oder ein Trend war und was heute medizinischer Standard oder Out ist, das berichtete Knörzer in seinem Vortrag unter dem Titel „Geburtshilfe früher und heute“ am Mittwoch anlässlich der „Woche für das Leben“. Knörzer hob besonders die Rolle und den Beruf der Hebammen hervor, den es bereits im alten Ägypten und in der griechischen Antike gab. „Ärzte und Hebammen sind heute ein Team“, sagt er.

Knörzer blickt auf fast 30 Jahre Berufserfahrung zurück und weiß: „Das wichtigste Hilfsmittel ist die Zuwendung der Hebamme und des Arztes zur Gebärenden.“ Ein Geburtshelfer sei objektiv und halte professionelle Distanz zur Patientin, dennoch sei Empathie unerlässlich. Stolz berichtete der Gynäkologe, dass er an der Einführung des erstes sanften Kaiserschnitts in Deutschland, 1997 in Heidelberg, dabei sein durfte. Der Mediziner Michael Stark aus Jerusalem zeigte damals die neue Methode, die weniger Schnitte ermöglichte, den deutschen Kollegen. „Die normale Geburtshilfe kommt ohne Kaiserschnitt heute nicht mehr aus“, sagt Knörzer. Bundesweit liege die Kaiserschnitt-Rate bei 32 bis 35 Prozent, in Wehrda bei 28 Prozent, so Knörzer. „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“ laute sein Motto, wenn es um die Frage nach der Notwendigkeit von Eingriffen geht. „Frauen wollen hohe medizinische Standards und gleichzeitig wenig Technik und eine heimelige Umgebung.“

Knörzer bedauerte, dass eine Kaiserschnitt-Entbindung immer noch als Geburt zweiter Klasse betrachtet werde. „Frauen, die mit Kaiserschnitt entbinden, werden leider immer wieder stigmatisiert.“ Dabei habe jede Frau ihren Grund dafür, Kaiserschnitt sei kein Trend.

Ein Trend war dagegen noch vor zehn Jahren die Wassergeburt in der Badewanne im Kreißsaal. „Heute ist das eher seltener“, stellt er fest. Die Periduralanästhesie (PDA) sei eine gute Methode, um Schmerzen zu verhindern. Dabei wird die Schwangere durch eine Spritze in die Wirbelsäule so betäubt, dass sie vom Schmerz der Geburt kaum etwas mitbekommt. Die PDA werde aber in der Regel erst dann angeraten, wenn alternative Methoden nicht ausreichend waren.
Als Geburtshelfer hat Knörzer einen Wunsch an die Frauen: „Vertrauen Sie Ihrem Körper. Und seien Sie offen für Veränderungen, die sich durch die Situation ergeben.“

Und er rät: „Don’t google with a Kugel“. Wer im Internet zu viel nach Tipps zur Geburt suche, sei am Ende mangels ungefilterter Informationsflut vielleicht ratloser als am Anfang. Seinem Team der Geburtshilfe empfiehlt er: „Wir stellen die Frage: Was haben wir? Und nicht: Was wollen wir?“ Nur so könne man objektiv den nächsten Schritt festlegen.

Und eine Erfahrung hat Knörzer in den vergangenen Jahren auch gemacht: „Viele Dinge werden zu extrem gesehen“. Man könne positiver denken, schließlich verlaufen 70 Prozent der Geburten normal. „Wir Hebammen und Geburtshelfer wünschen allen Frauen, wenn möglich, eine normale Geburt und unterstützen sie dabei.“

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