Diakonie-Krankenhaus Wehrda

Akademisches Lehrkrankenhaus der Philipps-Universität Marburg

fachlich kompetent –
    christlich engagiert

Die DGD-Kliniken sind ein christlicher Klinikverbund, der den einzelnen Patienten als Menschen in den Mittelpunkt seines Handelns stellt und zugleich eine medizinische und pflegerische Versorgung auf höchstem Qualitätsniveau sicherstellt.

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Lebensrettung im Laufschritt

Oberhessische Presse vom 09.03.2018

Rund 800 Patienten werden jeden Monat in der Notaufnahme am Hebronberg in Wehrda betreut

Die Notaufnahme ist die betriebsamste Station des Diakoniekrankenhauses Wehrda (DKH). Eine Abteilung, in der Planung alles bedeutet – in der aber nichts wirklich planbar ist.

von Ina Tannert

Wehrda. Eine unscheinbare Metalltür, ein kurzer Flur, zwei hell beleuchtete Räume – die Station ist klein und hat es doch in sich, erscheint wie eine Mischung aus Krankenzimmer, Technikraum und Büro.

An den gelb gefliesten Wänden hängt jede Menge technisches Gerät. Schränke, Kabel, Bildschirme. „Durchgang nur für Rettungsdienst“ steht auf einem Hinweisschild. Gegenüber weitere Türen mit Zugang zur Großgarage. Der Ort, an dem die Rettungswagen eintreffen. In 15 Minuten kommt von dort der nächste Patient. Das verrät der alles bestimmende Bildschirm über dem Kopf von Krankenpfleger Thomas Mundschau. Der Stationsleiter ist seit 20 Jahren in der Notaufnahme tätig. An seinem Schreibtisch mitten im Raum läuft alles zusammen. Und an diesem Morgen gibt es jede Menge zutun.

Ein Telefon klingelt – eigentlich klingelt, piept oder schrillt immer irgendwo ein Gerät, ein Alarm oder ein Piepser. Kurze Rücksprache zwischen Leitstelle und Station. Der erste Rettungswagen ist unterwegs, zuvor kommt noch ein privater Notfall. Ab sofort ist das dreiköpfige Team im Raum im Laufschritt unterwegs – es ist das normale Arbeitstempo in der Notaufnahme.

Ein Sanitäterteam in orangenen Jacken schiebt eine Trage in den Raum. Darauf eine alte Dame, die über starke Schmerzen an der Hüfte klagt. Sie ist gestürzt. „Als das Licht ausging bin ich hingefallen, voll auf den Rücken“, sagt sie mit schmerzverzerrtem Gesicht. Das Notfallteam checkt die Vitalfunktionen, schickt die Verletzte umgehend zum Röntgen auf die Nachbarstation. Ergebnis: komplizierter Beckenbruch. Die Innere wird die Patientin übernehmen, in der Station geht es derweil längst weiter.

Rund 800 Patienten finden jeden Monat ihren Weg in die DKH-Notaufnahme. Die ist durchgehend geöffnet, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Für einen reibungslosen Ablauf sorgen fünf Pflegekräfte in Vollzeit, zwei in Teilzeit im Schichtbetrieb. Etwa ein Dutzend Internisten und mehrere Chirurgen sind im Haus für die medizinische Versorgung zuständig. Es herrscht ein stetes Kommen und Gehen.

Nicht jeder, der sich als Notfall versteht, ist einer

Eine junge Frau betritt die Station, berichtet über starke Bauchschmerzen, Übelkeit und Durchfall. Es folgt das Standardprotokoll, die Risikobewertung der Experten: Atmung, Kreislauf, Bewusstsein, Allgemeinzustand werden gecheckt, Puls und Temperatur gemessen, alles akribisch dokumentiert. Die Fachkräfte entscheiden von Fall zu Fall über die jeweilige Sachlage und das weitere Vorgehen. Bluttest, Abstrich, eventuell ein EKG. „Wir selektieren vorher aus, ob der Fall potenziell stationär oder ambulant ist“, erklärt Mundschau. Die Einstufung der Dringlichkeit geschieht nach einem Ampelmodell: grün, gelb oder rot für besonders akute Fälle.

Seit drei Tagen hat die Patientin starke Beschwerden und auffallende Symptome. Im Kopf von Mundschau läuten die Alarmglocken. Der Grund: Verdacht auf Gastroenteritis. Die Magen-Darm-Grippe wäre ansteckend, das Team reagiert umgehend. Die Patientin wird sofort isoliert. Gesundheits- und Krankenpflegerin Tabea Petri übernimmt, zieht Mundschutz, Handschuhe und einen gelben Schutzkittel an. Warnschilder werden an die Türen gehängt: „Infektionsbereich – bitte nicht betreten“ steht darauf. Bei Ansteckungsgefahr ist höchste Vorsicht geboten. Der Dienstarzt verschwindet mit Patientin und Pflegerin im isolierten Bereich. Damit fällt ein ganzer Raum erst einmal aus, der Betrieb muss dennoch weiter gehen. Schon kündigen sich zwei Patienten auf einmal an.

Das Tempo steigert sich, der Alarm jault. Sanitäter bringen einen älteren Mann mit Luftnot. Der Senior scheint entspannt und stabil, befindet sich nicht in akuter Gefahr. Er muss warten. Aus Platzmangel auf seiner Liege im Flur. Denn die oberste Regel lautet: „Notfälle gehen immer vor – das verstehen viele Leute leider nicht“, sagt Mundschau. Das Motto „wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ zählt hier nicht. In der Notaufnahme tickt die Uhr nach Dringlichkeit – und wahrlich nicht jeder, der sich als Notfall versteht, ist ein Notfall.

Stationsleiter: „Der Job ist belastend, er isoliert“

Julia Bott ist eine, die Vorrang hat. Sie wurde vom Hausarzt in die Notaufnahme geschickt, hat starke Schmerzen am Kopf, Kiefer und Nacken. Mögliche Spätfolgen eines Unfalls vor einer Woche. „Heute Nacht war es besonders schlimm, die Bewegung funktioniert aber“, schildert sie. Dienstärztin Esther Trinczek übernimmt. Um eine Fraktur oder zerebrale Blutung auszuschließen ordnet sie eine Computertomographie an. Für Bott geht es zur Radiologie.

Wieder öffnet sich eine Tür für den nächsten Patienten. Der Stationschef stöhnt kurz auf, atmet durch, macht sich zügig ans Werk. Auf ein neues. Zwischendurch Stippvisite am Bett vom Patienten auf dem Flur. Mundschau hat Zeitdruck, dennoch stets einen flotten Spruch auf den Lippen. „Alles wird wieder gut, Sie sind im besten Krankenhaus von Wehrda“, erzählt er dem Senior auf platt. Der lacht und wartet weiter.

Es wird noch enger im Flur, mehr Patienten tauchen auf, werden auf Wartebereich und Behandlungsräume aufgeteilt. Mundschau bleibt ruhig, koordiniert das drohende Chaos, behält den Überblick und ist überall gleichzeitig. „Das ist normal hier, man hat fünf Baustellen zugleich, weiß nie was kommt und das liegt mir einfach.“

Erst Stunden später ist Feierabend. Heute war ein guter Tag, meint er. So ist es nicht immer. An manchen Tagen möchte er „einfach alles hinschmeißen – der Job ist belastend, er isoliert.“ An anderen Tagen überwiegt das gute Gefühl, dass er Menschen wirklich helfen, manche vielleicht retten konnte. Sein Ziel nach jeder neuen Schicht? „Nach Hause gehen und denken: Heute habe ich etwas bewegt“.

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