Der mehrtägige Stromausfall in Berlin Anfang Januar – ausgelöst durch einen Anschlag auf eine Kabelbrücke – hat eindrücklich gezeigt, wie verwundbar selbst die Hauptstadt in Krisensituationen ist. Fünf Berliner Krankenhäuser mussten vorübergehend im Notfallmodus betrieben werden. Auch das DGD Diakonie-Krankenhaus Wehrda bereitet sich auf genau solche Szenarien systematisch vor, investiert hohe Summen in Notfall-Infrastruktur. Von der Politik fordert die freigemeinnützige Einrichtung eine verlässliche Refinanzierung für alle Krankenhäuser.
Was passiert in der Klinik in Wehrda eigentlich im Krisenfall? Fällt plötzlich der Strom aus, kann das Krankenhaus binnen Sekunden reagieren: Das hausinterne Notstromaggregat schaltet sich automatisch ein und übernimmt die Energieversorgung besonders kritischer Bereiche – dazu zählen etwa OP-Bereich, Intensivstation, Zentrale Notaufnahme, sämtliche Aufzüge, mehrere Klimaanlagen sowie alle Rufanlagen in den Patientenzimmern. Besonders sensible Geräte wie Beatmungsgeräte, OP-Feldbeleuchtungen und Monitoring verfügen zusätzlich über eine unterbrechungsfreie Batteriestromversorgung, um lebenswichtige Behandlungen störungsfrei und sicher fortführen zu können. „Unsere Infrastruktur ist so aufgebaut, dass wichtige medizinische Abläufe zu keinem Zeitpunkt stillstehen“, erklärt Geschäftsführer Sebastian Spies. Im gesamten Haus sind zudem Sicherheitsstrom-Steckdosen installiert, die im Notfall gezielt Energie in den Versorgungsbereichen bereitstellen.
Notstromaggregat sorgt für Sicherheit im Krisenfall
Im Zentrum der Sicherheitsstromversorgung steht ein Diesel-Notstromaggregat mit einer Leistung von rund 230 kVA. Es wird im regulären Testbetrieb bewusst nur mit etwa der halben Leistung gefahren, damit es im Ernstfall auch sicher starten kann. „Wir überwachen laufend unsere Grund- und Spitzenlast, weil sich der Strombedarf durch neue medizinische Geräte oder Umbauten immer wieder verändert“, erklärt Markus Kolk, technischer Leiter des DGD Diakonie-Krankenhauses Wehrda. „So stellen wir sicher, dass unser Aggregat die aktuell benötigte Leistung zuverlässig übernehmen kann.“
Die Daten des Notstromaggregats sind beeindruckend: Zwölf Zylinder, gut sechs Liter Hubraum und ein Verbrauch von etwa 20 bis 30 Litern Kraftstoff in der Stunde, „je nach Auslastung“, sagt Kolk. Damit der Motor jederzeit startklar ist, wird das Aggregat dauerhaft vorgeheizt und der Aufstellraum beheizt. „Wenn wir rübergehen und den Motor anfassen, ist es immer warm“, so Kolk. Der Grund: So muss der Dieselmotor nicht erst vorheizen, wenn der Strom ausfällt – er springt sofort an, die Versorgung geht nahtlos weiter. Der Kraftstoffvorrat lagert in zwei Dieseltanks mit je 1.000 Litern, deren Füllstände regelmäßig kontrolliert und dokumentiert werden. Mit den vor Ort gelagerten 2.000 Litern Treibstoff kann die Klinik – abhängig von der jeweils gefahrenen Last – rund 80 Stunden, also mehr als drei Tage, autark arbeiten.
Früher kam es beim Umschalten auf Notstrom zu kurzzeitigen Unterbrechungen, die sensible Medizintechnik, Brandschutzanlagen oder Fluchtwegbeleuchtung beschädigen konnten. „Um das zu vermeiden, haben wir das Aggregat auf eine Synchronisierung mit dem Netz umbauen lassen“, berichtet Kolk. Ein spezielles Gerät prüft nun die Netzfrequenz und synchronisiert das Aggregat präzise mit den Schwingungen des öffentlichen Netzes.
„Erst wenn beide im Takt sind, übernehmen moderne Lastschalter innerhalb eines Sekundenbruchteils die Last – ohne Unterbrechung“, so der technische Leiter. Damit kann das Krankenhaus alle 14 Tage einen Testlauf unter realer Last durchführen, ohne dass Patientinnen, Patienten oder Mitarbeitende etwas davon bemerken. „Man merkt im Haus gar nicht, wenn unser Aggregat übernimmt“, betont Kolk.
Kritische Klinik-Bereiche haben Priorität
Die Stromversorgung des Hauses ist bewusst mehrstufig aufgebaut. Es gibt das allgemeine Versorgungsnetz (AV) für normale Verbraucher, die Sicherheitsstromversorgung (SV) für wichtige medizinische und technische Anlagen sowie eine zusätzliche Batteriestromversorgung (BEV/ZSV) für besonders kritische Bereiche wie OP und Intensivstation.
„Unser Notstromaggregat versorgt im Ernstfall die wirklich entscheidenden Systeme – Rufanlagen, Beleuchtung, Druckluftkompressoren, Monitoring und Beatmungstechnik“, erklärt Kolk. Es ist nicht dafür ausgelegt, alle Großverbraucher wie Radiologie, Lüftungsanlagen oder Küche vollumfänglich zu übernehmen – zugunsten eines robusten Schutzes der lebenswichtigen Infrastrukturen. Die OP-Bereiche und die Intensivstation verfügen zusätzlich über eine Batteriestromanlage, die OP-Leuchten und ausgewählte Steckdosen für mehrere Stunden ohne Unterbrechung weiterbetreibt. „Die Versorgung dort ist so ausgelegt, dass weder Licht noch lebenswichtige Geräte auch nur einen Sekundenbruchteil ausfallen“, betont Kolk.
Die unterschiedlichen Stromnetze lassen sich auch an den Steckdosen erkennen. Normale Steckdosen sind mit „AV“ (Allgemeinstrom) beschriftet, Sicherheitsstromsteckdosen mit „SV“. Orange Steckdosen mit den Kürzeln „BEV“ oder „ZSV“ kennzeichnen die Batteriestromversorgung. „In den Patientenzimmern hat jeder Bettplatz zwei Stromkreise – Allgemeinstrom und Sicherheitsstrom“, so Kolk. „Damit sind Absaugungen, elektrische Betten und andere Geräte auch bei einem Netzausfall funktionsfähig.“
Auf technische Vorsorge legt das DGD Diakonie-Krankenhaus Wehrda besonderen Wert. Zusätzlich zum Notstromaggregat gewährleisten drei Blockheizkraftwerke auf dem Hebronberg eine ergänzende Strom- und Wärmeversorgung, eines davon direkt für die Klinik. Sollte auch die Gasversorgung gestört sein, steht dem Krankenhaus ein eigener ölbetriebener Heizkessel mit 5.000 Litern Reserve zur Verfügung, der die Wärmeversorgung für mindestens eine Woche sicherstellen kann. Ein uneingeschränkter Regelbetrieb wäre bei einem länger andauernden Stromausfall zwar nicht in allen Bereichen möglich, doch die lebenswichtige Versorgung bleibt umfassend gesichert.
Eine Besonderheit der Anlage ist die Möglichkeit, externe Aggregate schnell in die Versorgung einzubinden. Die Notstromversorgung ist direkt hinter der zentralen Trafostation an die Niederspannungshauptverteilung angeschlossen – dort, wo auch die normale Stromversorgung abgeht. „Bei Umbauarbeiten oder im seltenen Fall, dass unser eigenes Notstromaggregat ausfallen sollte, können wir über vorbereitete Einspeisepunkte externe Generatoren zuschalten“, erläutert Kolk. Dafür wurde ein spezielles Verteilerfeld in der Hauptverteilung und ein externer Anschluss am Gebäude geschaffen. „Das ist so vorbereitet, dass ein mobiles Aggregat schnell angedockt werden kann, ohne erst lange Kabelwege provisorisch legen zu müssen“, sagt Kolk.
Notfallkapazitäten: Klinik fordert stärkeres politisches Engagement
Die Erfahrungen aus Berlin zeigen einmal mehr, wie wichtig eine solch optimierte, auch in Notsituationen funktionierende Infrastruktur ist, über die auch auf eine veränderte sicherheitspolitische Lage reagiert werden kann. Ebenso wird deutlich, dass nicht nur Kliniken in Großstädten, sondern gerade auch kleine und mittlere Krankenhäuser im Sinne eines flächendeckenden Krisenmanagements systemrelevant sind und deutlich mehr Unterstützung der Politik benötigen.
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat im vergangenen Jahr die Krisenresilienz deutscher Krankenhäuser untersuchen lassen. Im Gutachten wird festgestellt, dass allein, um die Resilienz im Fall von Cyberangriffen und Sabotage herzustellen, rund 2,7 Milliarden Euro an Investitionen in die Kliniken notwendig sind.
Hier fordert auch das Diakonie-Krankenhaus Wehrda ein stärkeres politisches Engagement: „Wir fordern, dass die Vorhaltung von Notfallkapazitäten – also Notstrom, Notfallpläne, Sicherheitsreserven und zusätzliche technische Infrastruktur – endlich deutlich stärker finanziell durch die Politik unterstützt wird. Diese Leistungen sichern im Ernstfall die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung und sind ein wesentlicher Bestandteil der Daseinsvorsorge, für die wir als Krankenhaus finanziell bislang selbst aufkommen müssen“, betont Geschäftsführer Sebastian Spies.
Der Investitionsbedarf dafür ist extrem hoch, „weil nötige Investitionen chronisch unterfinanziert sind. Eine verlässliche Finanzierung würde es Kliniken endlich ermöglichen, ihre Krisenfestigkeit kontinuierlich zu verbessern und Personal sowie Technik langfristig abzusichern. Der politische Sparkurs bei den Krankenhäusern gefährdet die Sicherheit unserer Bevölkerung und die Resilienz im Katastrophenfall“, betont Spies.
